Ernährungspolitik gegen die Evidenz? Zur neuen US-Food-Pyramide

Von Alexander Maß, 12. Januar 2026

Am 7. Januar 2026 präsentierte der Gesundheitsminister der USA Robert F. Kennedy Jr. eine radikale Überarbeitung der nationalen Ernährungsempfehlungen, inklusive einer umgedrehten „Food Pyramid“, in der rotes Fleisch, Vollfett-Milchprodukte und gesättigte Fette deutlich stärker gewichtet werden, während Kohlenhydrate und Getreide in den Hintergrund rutschen. (1) Diese Neuausrichtung ruft nicht nur viel Medienecho, sondern auch scharfe Rüge seitens der Gesundheits- und Ernährungswissenschaft hervor: Zahlreiche Experten sehen darin eine Abkehr von der bislang vorherrschenden evidenzbasierten Gewichtung, die sich primär auf große prospektive Kohortenstudien und systematische Übersichtsarbeiten zur Prävention nicht-übertragbarer Krankheiten stützt. (2)

Politisch revidierte US-Ernährungspyramide (2026), dargestellt zur kritischen Analyse im Rahmen einer ernährungswissenschaftlichen Einordnung.

Wissenschaftliche Evidenz zu Fleisch, Milch und gesättigten Fetten

Aktuelle systematische Überblicke legen nahe, dass eine hohe Aufnahme von rotem und insbesondere verarbeitetem Fleisch mit erhöhtem Risiko für Typ-2-Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen und Gesamtmortalität assoziiert ist. Das gilt sogar für prospektive Kohortenstudien mit moderater Evidenzstärke. (3) Gleichzeitig zeigen Meta-Analysen, dass das Ersetzen tierischer Produkte durch pflanzenbasierte Ernährungsmuster mit niedrigeren Risiken für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs verbunden ist. (4) Die Betonung von Vollfett-Milchprodukten und gesättigten Fetten ohne strikte Grenzwerte widerspricht damit weitgehend dem breiten Konsens der Ernährungsepidemiologie, wonach gesättigte Fettsäuren und hohe gesättigte Fett-Mengen im Kontext westlicher Ernährungsweisen ernstzunehmende Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben. (5)

Was internationale Leitlinien und Experten empfehlen

Die aktuellsten nationalen und internationalen Ernährungsempfehlungen stützen sich überwiegend auf das Prinzip eines „plant-forward“ Ansatzes, also einer Ernährung, die vorwiegend auf Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten, Nüssen und gesunden Fetten basiert. Solche Muster sind mit einer geringeren Anzahl neu aufgetretener chronischer Krankheiten und reduzierter Mortalität verknüpft. (4) Darüber hinaus empfehlen viele Food-Based Dietary Guidelines, den Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch zu begrenzen (z. B. unter ~350 g/Woche) und gesättigte Fette zu reduzieren, um Gesundheitsrisiken zu minimieren. (6) Solche Empfehlungen stehen im Gegensatz zu Kennedys „Upside-Down“-Pyramide und unterstreichen, dass die Gewichtung einzelner Nahrungsmittelgruppen stark kontextabhängig und evidenzbasiert restriktiv sein sollte.

Fazit: Wissenschaft contra Symbolpolitik

Aus Public-Health-Perspektive zusammengefasst: Die neue US-Darstellung mag politisch und populär sein. Ernährungswissenschaftlich und epidemiologisch ist sie jedoch nicht evidenzbasiert, wenn sie den Konsum von rotem Fleisch und gesättigten Fetten generell propagiert. Aktuelle Daten belegen den Nutzen pflanzenbasierter Ernährungsmuster für die Prävention chronischer Krankheiten und die öffentliche Gesundheit deutlich stärker.

Diese Bewertung folgt keinem persönlichen Ernährungsnarrativ, sondern dem in der Public-Health-Forschung etablierten Verständnis von Prävention und Risikoabwägung: Ernährungsempfehlungen müssen populationsbezogen, evidenzbasiert und langfristig gesundheitswirksam sein, und nicht zugespitzt oder ideologisch überlagert. Entsprechend sollten sich die jeweiligen Leitlinien weiterhin auf multinationale Kohortenstudien, randomisierte kontrollierte Studien sowie systematische Übersichtsarbeiten stützen und nicht beliebige populäre Narrative visuell reproduzieren.

Korrigiertes Schaubild – evidenzbasierte Ernährungs-Pyramide

Eigene Darstellung nach aktueller ernährungswissenschaftlicher Evidenz. Quelle: Zusammenstellung nach internationalen Public-Health- und Ernährungsleitlinien. © Alexander Maß, 2026

Alexander Maß ist Diplom-Health-Care-Manager mit Schwerpunkt Public Health.

Quellen

1) U.S. Department of Agriculture & U.S. Department of Health and Human Services. (2020). Dietary Guidelines for Americans, 2020–2025 (9th ed.). U.S. Government Publishing Office. https://www.dietaryguidelines.gov

2) Callahan, A., & Blum, D. (2026, January 7). Kennedy flips food pyramid to emphasize red meat and whole milk. derStandard.de. https://www.derstandard.de/story/3000000303186/kennedy-flips-food-pyramid-to-emphasize-red-meat-and-whole-milk

3) Kiesswetter, E., Neuenschwander, M., Stadelmaier, J., Szczerba, E., Hofacker, L., Sedlmaier, K., Kussmann, M., Roeger, C., Hauner, H., Schlesinger, S., & Schwingshackl, L. (2024). Substitution of dairy products and risk of death and cardiometabolic diseases: A systematic review and meta-analysis of prospective studies. Current Developments in Nutrition, 8(5), Article 102159. https://doi.org/10.1016/j.cdnut.2024.102159

4) Wang, Y., Liu, B., Han, H., Hu, Y., Zhu, L., Rimm, E. B., Hu, F. B., & Sun, Q. (2023). Associations between plant-based dietary patterns and risks of type 2 diabetes, cardiovascular disease, cancer, and mortality - a systematic review and meta-analysis. Nutrition journal, 22(1), 46. https://doi.org/10.1186/s12937-023-00877-2

5) Lichtenstein, A. H., Appel, L. J., Vadiveloo, M., Hu, F. B., Kris-Etherton, P. M., Rebholz, C. M., Sacks, F. M., & Van Horn, L. (2021). Dietary fats and cardiovascular disease: A presidential advisory from the American Heart Association. Circulation, 144(3), e1–e24. https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000000510

6) Nordic Council of Ministers. (2023). Red meat: Dietary intake, health and environmental effects (in Nordic Nutrition Recommendations 2023, pp. …). Nordic Council of Ministers. https://pub.norden.org/nord2023-003/files/691f2f1d0f547_red-meat.pdf

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